Über mündliches Geschichtenerzählen

Das mündliche Erzählen von Geschichten (oral storytelling) war bis zur Erfindung der Schrift die einzige Form, geschichtliche, kulturelle und religiöse Informationen zu erhalten und weiterzugeben. Das Gedächtnis war Träger des Wissens, nicht ein Buch oder eine Festplatte. Für die Zuhörer bedeutete dies, dass sie selber zu Trägern der Geschichten wurden. Ein reger mündlicher Geschichtenaustausch hat jahrtausendelang den Alltag der Menschen begleitet. Doch das menschliche Gedächtnis ist kein Buch und keine Festplatte, sondern - und zum Glück! - ein zuweilen recht unzuverlässiger Hort für Wissen.

Im europäischen Raum transportierten Barden und Spielleute als professionelle Erzähler, aber auch Kriegsleute, Händler, Wanderlehrlinge und Pilger Geschichten weit herum. Dabei vergassen sie dies oder jenes, fügten dafür dort und da etwas hinzu und passten nicht zuletzt die Geschichten dem Publikum und dem Zeitgeist an. Gerade die verschiedenen Versionen von Sagen (Nibelungenlied, Tellsage) zeugen von der Verbreitung und Umdichtung der Geschichten. Lesen wir uns durch Märchensammlungen von Afrika über Europa bis nach Indien, stossen wir immer wieder auf ähnliche Motive.

„In Stein gemeisselt“ - Sigurd durchsticht den Lindwurm. Bildstein von Ramsundsberget, 11 Jh.
Mit der Erfindung und Verbreitung der Schrift wurden die Geschichten dann aufgeschrieben. Wo jedoch nur wenige Menschen lesen und schreiben konnten (und können), lebte (und lebt) die orale Erzählkunst weiter (bspw. die Griots in Westafrika). Überall dort jedoch, wo die Literalität überhand nahm, wurde das mündliche Erzählen verdrängt. Zudem wurde mit dem schriftlichen Festhalten den Geschichten die Interpretationsfähigkeit und damit die Wandelbarkeit genommen; sie wurden gleichsam „in Stein gemeisselt“. Ein Beispiel wäre hier unsere Vorstellung von Märchen. War die erste Fassung der Sammlung der Gebrüder Grimm mit reichlich erotisch-frivolen und recht gewalttätigen Inhalten noch keineswegs für ein kindliches Publikum gedacht, wurden die Märchen spätestens mit der dritten Ausgabe für Kinder umgeschrieben. Christliche Wertvorstellungen, bürgerliche Normen sowie eine romantische Sentimentalität prägen noch heute unseren Begriff „Märchen“.

Auch gebar die Schrift all jene Kunstgattungen, die den Zuhörerinnen und Zuhörern die Bilder zu den Geschichten mehr oder weniger intensiv vorwegnehmen: Buch, Schauspiel, Musiktheater, Film usw. Mit diesen Bildvorlagen verschwand die Möglichkeit und vielleicht sogar die Fähigkeit, aus einer Geschichte eigene Bilder zu erschaffen. Auch hier mögen die grimm‘schen Märchen ein Beispiel sein. Mit den stereotypen Illustrationen in den Büchern wird es für uns fast unmöglich, das Knusperhäuschen oder die Hexe aus uns heraus zu entwerfen. Selbst bei jenen Geschichten, die wir selbst erlebt haben und die wir uns im Alltag gegenseitig erzählen (Ferienerlebnisse, besondere Ereignisse, Feiertage usw.), werden immer mehr die Bilder mitgeliefert. Sind sie nicht auf dem Smartphone gespeichert, smslen wir den Link zur Bildergalerie.   

Dass nun aber die mündliche Erzählkunst in unserer Zeit, die mit Buch, Film und Fernseher und im Besonderen mit dem WWW allüberall mit Bildern regelrecht überschwemmt wird, eine Renaissance erlebt, mag daher wenig erstaunen. Erzähl- und Märchenfestivals spriessen seit rund 20 Jahren - parallel zur Verbreitung des Internets - weltweit wie Gras im Frühling aus dem Boden. Und seit 2003 gibt es den World Storytelling Day, „a global celebration of the art of oral storytelling“ (20. März).

Hänsel und Gretel 1903
Welches Märchen das wohl ist? Buchillustration um 1903
Was bedeutet nun aber freies Erzählen? Sicher ist, dass heutzutage mündlich vorgetragene Geschichten nur noch marginal als Träger von Wissen bezeichnet werden dürfen. Dafür sind Buch und Festplatte allzugegenwärtig. Hingegen werden die Zuhörer - vorausgesetzt, sie kennen die Geschichten nicht - immer noch zu Trägern der Geschichten. Da ihnen ja während der Erzählung keine Bilder vorgelegt werden, müssen sie die Geschichte mit eigenen Bilderketten „speichern“. Die Geschichten spiegeln sich gleichsam in den Zuhörern selbst. Nicht nur bei Kinder, erzählen sie eine gehörte Geschichte am nächsten Tag weiter, kommt zuweilen eine ganz neue Geschichte zum Vorschein. Das Hören einer frei erzählten Geschichte ist in unserer Zeit, die eigentlich nur noch „Zuschauer“ kennt, in der Tat eine Herausforderung.

Unser Geschichtenfestival verfolgt neben dem primären Sinn, nämlich ein Hör- und Staunabenteuer für kleine und grosse Menschen zu sein, noch ein weiteres Ziel. Es will Zuhörern aller Altersgruppen die Möglichkeit geben, in zeitlich kurzer Folge verschiedenen Erzählerinnen und Erzählern zu lauschen. Im Einklang mit dem eigenen Erleben kann so ein erstes Urteilsvermögen über diese Kunst ausgebildet werden.

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